Von Barr nach Sélestat (17. Juli 2022)

Der letzte Tag meiner Pilgerwanderung bricht an und ich habe noch ein strammes Programm vor mir. Sonntags verkehren die Züge hier nur spärlich und so komme ich nach Frühstück und gemütlicher Tagesvorbereitung erst mit den frühesten Zug um 9:26 Uhr aus Obernai weg. Ab Barr habe ich ca. 25 Kilometer vor mir, die ich bis spätestens 16 Uhr absolviert haben muss. Kurz darauf beginnt nämlich schon die Rückkehr nach Koblenz, den Zug nach Strasbourg darf ich nicht verpassen.

Auch heute sind die Elsässer Weinberge meine ständigen Begleiter. Ich komme gut voran und werde am Ortseingang von Andlau mit einer Geschwindigkeit von 6 km/h gemessen und mit einem lächelnden Smiley bedacht. Eigentlich wollte ich die Église Saint-Pierre et Saint-Paul gar nicht aufsuchen, da sie etwas abseits vom Weg liegt. Letztendlich bin ich froh, dass ich den Schlenker mitgenommen habe, die romanische Kirche ist nämlich sehenswert. Ich bin gar nicht mehr richtig beim Camino, da geht es doch für einen Kilometer steil durch einen schattigen Hohlweg aufwärts, und das mit einer Steigung von durchschnittlich 15%. Da steigt die Herzfrequenz aus Sympathie gleich mit und meine Klimaanlage stößt ordentlich Schweißperlen über den Kopf aus, die dann einzeln durch mein Gesicht laufen. Zum Glück ist auch dieser schwerste Abschnitt des Tages absolviert und es folgen jetzt wieder sonnige Wirtschaftswege durch die Reblandschaft. Ich durchlaufe Bernardvilllé und passiere dahinter die Chapelle de 14 Saints und der nachbarschaftlichen Abtei Baumgarten.

Die nächsten Orte sind Nothalten und Blienschweiler, danach mache ich einen weiteren Abstecher mit kurzem Aufstieg zur Chapelle de Saint Sébastien, die mitten in den Weinbergen steht und bis 1489 die Pfarrkirche des verschwundenen Dorfes Oberkirch war. Hier lege ich nach 3 Stunden und 15 Kilometern eine Pause ein, liege gut in der Zeit. Mit dem dreizehnten Glockenschlag der Église St. Etienne von Dambach, auf das ich von der Kapelle heruntersehen kann, geht es weiter. Ich drehe auch noch eine Schleife durch Dambach, das von einer noch gut erhaltenen mittelalterlichen Mauer umgeben ist. Die Kirche ist jedoch verschlossen.

Sehr auffällig sind in den Weinbergen die großen Kreuze, die von dankbaren Menschen überwiegend im 17. und 18. Jahrhundert aufgestellt wurden. Bei den meisten sind die Namen und die Jahreszahlen noch sehr gut lesbar. Schwieriger zu erkennen sind die eigentlich überwiegend guten Markierungen, aber manchmal muss man solche in Daumennagelgröße auch finden. Auf die Perlenschnur der Weinorte der heutigen Etappe reihen sich nun Dieffenthal und Scherwiller nahtlos ein. In erstem schaue ich mir die Église Saint-Michel an. Mir scheint, dass hier der Jakobsweg ähnlich wie bei uns, nicht richtig präsent ist, zumindest findet man sehr selten in einer Kirche einen Pilgerstempel. Dafür gibt es hin und wieder ein paar hübsche Kapellen wie Chapelle du Taennenkreuz, die in der linken Seitenwand eine Lourdes-Grotte beherbergt.

Um 14:30 Uhr und nach 21 km erreiche ich Châtenois. Über die Rue du Rhin - wie passend - verlasse ich den markierten Elsässer Jakobsweg und biege nach Sélestat ab, wo ich nach fünfzig Minuten am Bahnhof eintreffe. In der vergangenen Woche habe ich damit von Baden-Baden bis Sélestat insgesamt 181 Kilometer zurückgelegt. Mein Zug nach Strasbourg fährt um 16:13 Uhr, der ICE nach Mannheim genau eine Stunde später. Dort muss ich noch einmal umsteigen und werde dann kurz nach 20 Uhr in Koblenz eintreffen.

P.S. Es kam natürlich anders, da der Anschlusszug ab Mannheim ausfiel. So musste ich über Frankfurt Flughafen einen Regionalexpress nehmen, der eine gute Dreiviertelstunde später das Ziel erreichte.

Diese Etappe ist ein Abschnitt meiner Pilgertour auf dem Badischen, Kinzigtäler und Elsässer Jakosbweg von Lichtental nach Sélestat im Juli 2022.