Von Schutterwald nach Strasbourg (14. Juli 2022)

Ich wache bereits kurz nach 5 Uhr auf, döse aber noch etwas vor mir hin. Im nächsten Wachaugenblick entscheide ich mich, schon früh aufzubrechen und bereite alles für den Abmarsch vor. Um 6:45 verlasse ich die Ferienwohnung Rose und starte die heutige Etappe. Zunächst geht es zur Jakobuskirche, dahinter befindet sich eine Bäckerei, in der ich mir ein kleines Frühstück kaufe. Die erste Stunde vergeht in der angenehmen Kühle eines Waldes wie im Flug. Danach erreiche ich über offenes Landwirtschaftgebiet das Dorf Müllen, wo bereits das Kirchlein St. Ulrich geöffnet ist. Dahinter kann ich bis zu zehn Störche auf den Feldern bei der Futtersuche beobachten. Allerdings spüre ich hier die zunehmende Einwirkung der Sonne.

Mein Weg führt entlang von Tabak- und Maisfeldern sowie zwei Bio-Eierhöfen mit riesigem Freilaufgelände für die Hühner. Nach einer Stunde durch flaches Feld in der Sonne tauche ich wieder in angenehmere Temperaturen im Wald ein, wo ein weiteres Cruz de Ferro steht, das gemäß der Inschrift 1995 aufgestellt wurde. Nicht so schön ist der folgende Abschnitt entlang einer Landstraße in Richtung Rhein, auf der eigentlich fast nur Fahrzeuge mit französischen Kennzeichen unterwegs zu sein scheinen. Schließlich werde ich vom ursprünglichen Weg auf eine Umleitung verwiesen, die entlang des Goldscheuerer Baggersees verläuft. Da ich jetzt schon 2,5 Stunden hinter mir habe, nutze ich die Gelegenheit zu einer dreißigminütigen Pause. Schuhe aus, Socken aus und die Atmosphäre genießen. Inzwischen hat mir meine Unterkunft in Straßburg die Zugangsdaten zum Haus und meine Zimmernummer mitgeteilt.

Anstatt eintönig am Rhein entlang hat man zumindest für vier Kilometer einen zumeist schattigen Abschnitt durch das Naherholungsgebiet Rheinvorland im Bereich von Altarmen des Rheins gewählt. Zwischendurch geht es auf einem Hochwasserdeich in der prallen Sonne weiter. Nach 1,5 Kilometern wird mir das zu warm und ich wechsel auf den rechten, unterhalb der Deichkrone verlaufenden Parallelweg, der mit Bäumen gesäumt ist und dadurch überwiegend Schatten spendet. Den letzten Kilometer bis Kehl muss ich dann aber doch auf dem Leinpfad am Fluss entlang laufen. Ich drehe noch eine Schleife durch Kehl und hole mit in der Tourist-Info einen Pilgerstempel ab. Direkt gegenüber lädt der belebte Marktplatz zu einer weiteren Pause ein, die ich mir nach insgesamt 22 Kilometern verdient habe. Zum Lohn gibt es ein kaltes Weizen, bei den Temperaturen natürlich ohne Alkohol. Übrigens bin ich heute den Markierungen des Kinzigtäler Jakobsweges gefolgt, und die waren vorbildlich.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort gesessen habe, aber eigentlich wollte ich ja noch bis Straßburg, wo ich ab 14 Uhr mein Zimmer beziehen kann. Das werde ich nicht schaffen, denn für die restlichen 6 Kilometer müsste ich rennen. Ich überquere also den Rhein und irgendwo auf der Brücke bin ich dann mal in Frankreich. Es zieht sich nun durch unendlich lange Straßen, am Hafen und der Universität vorbei bis zum Flüsschen Ill, das mitten durch Straßburg fließt und eine der Attraktionen der Stadt ist. Ich schreite über eine der zahlreichen Brücken und stehe hinter der nächsten Ecke vor der Cathedral Notre Dame de Strasbourg. Tagesziel erreicht. Ich halte mich nicht lange auf und navigiere mich zum Hotel Patricia in der Rue du Puits - der Brunnengass. Es folgt das übliche Pilgerritual bei der Ankunft: Wäsche waschen, aufhängen und duschen.

Dann bin ich bereit für die Kathedrale, die ich nach nur 400 Metern erreiche. Sie ist ein imposantes Kirchengebäude und war zur Zeit ihrer Fertigstellung die höchste Kirche im Heiligen Römischen Reich. Allein an den farbenfrohen Fenstern kann man sich sattsehen und die riesige Rosette ist große Kunst. Für die meisten Touristen ist aber die astronomische Uhr am sehenswertesten. Im Shop bekomme ich meinen Pilgerstempel und dazu eine Medaille der Kathedrale. Auf der Rückseite sind die Jakobswege durch Frankreich abgebildet. Als Höhepunkt nehme ich mit die Turmbesteigung vor, die mir 325 Treppenstufen abfordert. Dafür hat man vom Dach tolle Ausblicke, die sich sehr lohnen. Seltsamerweise zähle ich beim Abstieg auf der anderen Seite sogar 330 Stufen.

Da ich morgen auch eine lange Strecke vor mir habe, möchte ich gerne heute schon den üblichen Wasservorrat von drei Litern plus einer Flasche Cola für den Notfall bereit haben. Aber alle Läden machen erst morgen früh wieder auf. Irgendwann kapiere ich dann doch, dass der 14. Juli in Frankreich Nationalfeiertag ist, und da schließen die meisten Geschäfte schon früh. Ich kann aber zum Glück noch einen kleinen Laden ausfindig machen, in dem auch großer Andrang herrscht. Schnell wieder raus und ab ins Hotel. An der Kathedrale fällt mir zum wiederholten Mal ein junger blinder Mann auf, der mit seiner gesegneten Stimme für die Menschen singt. Ich bleibe eine Weile stehen und höre ihm zu. Je länger ich da stehe, desto mehr ergreift mich sein Gesang, besonders sein Halleluja dringt tief in mich ein und lässt ein paar Tränen aus den Augen laufen. Wie war das doch, auf dem Camino musst du mindestens einmal heulen. Froh gelaunt und zufrieden ziehe ich von dannen, zum Abschluss des Tages gibt es noch einen Flammkuchen mit Münster- und Schafskäse im Restaurant Le Monceau neben der evangelischen Thomaskirche. Sieht zwar klein aus, ist aber lecker und füllt den leeren Magen. Und gerade als ich mich zur Ruhe begeben will, startet ein Feuerwerk anlässlich des Nationalfeiertages. Im Hintergrund sind sogar hupende Autos zu hören. Ich glaube, das läuft in Deutschland etwas smarter ab.

Diese Etappe ist ein Abschnitt meiner Pilgertour auf dem Badischen, Kinzigtäler und Elsässer Jakosbweg von Lichtental nach Sélestat im Juli 2022. Die Fortsetzung gibt es HIER.